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am 29.12.2017

Der Geiger Zähler

Karl Geiger

Die Statistik zeigt: So stabil wie nie geht Karl Geiger in die Vierschanzentournee in Oberstdorf. Der 24-jährige Lokalmatador hat gelernt, aus Misserfolgen Kraft zu schöpfen

Die Statistik zeigt: So stabil wie nie geht Karl Geiger in die Vierschanzentournee in Oberstdorf. Der 24-jährige Lokalmatador hat gelernt, aus Misserfolgen Kraft zu schöpfen. Erfreulich ist ein Trend, wenn er nach oben geht. Karl Geiger weiß das allzu gut. Seit Jahren schon klammert sich der 24-jährige Skispringer an den Tagen zwischen Weihnachten und Silvester an den alljährlichen Fortschritt im Stile „mühsam ernährt sich das Eichhörnchen“. Und auch wenn es viele Beobachter vor dem Auftakt der 66. Vierschanzentournee in Oberstdorf nicht mehr hören können: Auch heuer ist Karl Geiger zum Tournee-Start so gut in Form wie nie zuvor. „Ich fühle mich gut, richtig im Soll“, sagt Geiger: „Ich spüre, dass ich besser bin, gefestigter. Mein Grundniveau ist allgemein höher als in den Vorjahren.“

Allen Nörglern und Kritikern des vermeintlichen ewigen Talents nimmt ein Blick auf die nackten Zahlen den Wind aus den Segeln. Denn der „Geiger-Zähler“ zeigt: Der Oberstdorfer, aktueller 14. der Weltcup-Gesamtwertung, hat mit 160 Punkten die 134 vom Vorjahr zu diesem Zeitpunkt bereits lange erreicht. 2016 hatte er nach der gesamten Saison noch 174 Punkte auf dem Konto. Im Gesamtweltcup, in der Tournee-Wertung und im Skiflug-
Weltcup war der abgelaufene Winter als jeweils Gesamt-18. sein bester. Die Platzierungen in der laufenden Saison belegen, dass Skisprung-
Fans zumindest den „stabilsten Geiger“ aller Zeiten erleben. Kaum Ausreißer nach unten Rang 18 beim Weltcup in Ruka ist das schlechteste
Saisonergebnis – wenn man überhaupt davon sprechen kann. „Ich merke, dass ich meine Leistung konstanter abrufen kann“, sagt Geiger: „Wenn man trotz einiger Patzer nicht ganz nach hinten geworfen wird, gibt das Sicherheit. Auch wenn ich mir wünschen würde, dass mal ein positiver Ausreißer kommt.“ Denn so verbessert und stabiler sich der Oberstdorfer heuer auch präsentieren mag: Die Beziehung des 24-Jährigen zur Heimschanze ist auch vor seinem sechsten Tournee-Start in Oberstdorf noch immer unvollendet. „Ich muss keinen Frieden schließen mit der Schanze oder mit Oberstdorf. Ich habe mir eingestanden, dass ich mir auf der Schanze schwertue mit meinen Voraussetzungen“, sagt Geiger, dessen beste Platzierung am Schattenberg der 26. Rang von 2015 ist. „Aber ich muss hier nichts erzwingen, wenn es nicht geht. Damit kann ich leben.“

Tatsächlich liegt hier der Knackpunkt in Geigers Entwicklung. Schon im Vorjahr hatte Ex-Bundestrainer Peter Rohwein attestiert: „Karle ist im Kopf gereift. Er wirkt allgemein freier und weiß, was er zu tun hat.“ Und schon lange ist das Bild des wortkargen, weil nach Rückschlägen verbitterten Karl Geigers, Geschichte. „Ich setze nicht mehr immer auf Ergebnisse – denn das ist oft tagesformabhängig. Man kann sich gut fühlen und auf einen Schlag läuft es dann nicht“, erklärt Geiger. „Aber wenn ich am Abend zufrieden bin, mit dem was ich abgerufen habe, bin ich glücklich.“ Aus dem hadernden „Karle“ ist ein Geiger geworden, der mit sich im Reinen ist. „Der Schädel macht oft genug sein eigenes Ding. Es geht nur darum, die Bremse zu finden, wenn es mal nicht läuft. Das habe ich gelernt“, sagt Geiger.

Neue Rolle im Hintergrund

Hinzu kommt eine Sommer-Vorbereitung mit der Nationalmannschaft, von der alle DSV-Athleten merklich profitieren. Mit dem Weltcupführenden Richard Freitag, der seit Sommer in Oberstdorf wohnt, hat Geiger zudem einen Trainingspartner, der zwar „auch nicht zaubern kann, aber es gibt mir ein gutes Gefühl, zu sehen, dass es bei ihm läuft.“ Im Ensemble einer deutschen Auswahl, die die Konkurrenz heuer das Fürchten lehrt,
hat der 24-Jährige auch nichts dagegen, in diesem Winter ein Geiger in der zweiten Reihe zu sein – im Gegenteil. „Es nimmt sogar Druck von uns, dass die beiden im Moment vorneweg springen“, sagt Karl Geiger: „Das gibt uns die Möglichkeit, uns im Hintergrund ruhig auf den Tag X vorzubereiten.“

Allgäuer Anzeigeblatt 29.12.2017