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am 17.12.2018

Der neue Siegspringer schenkt aus

Karl Geiger

Karl Geiger vom Skiclub Oberstdorf steht nach 106 Weltcup-Einsätzen zum ersten Mal ganz oben auf dem Treppchen. Das kostet traditionell eine Runde.

Erfolg verpflichtet. Das weiß Karl Geiger schon lange. Schließlich hat der Oberstdorfer bereits vor sechs Jahren sein Debüt im Weltcup gegeben. Seitdem hat der 25 Jahre alte Skispringer an 106 Weltcupspringen teilgenommen. Als Ergänzungsspringer, wie Bundestrainer Werner Schuster ihn wie auch Stephan Leyhe (Willingen) immer wieder genannt hat. Auf der Titlisschanze in Engelberg ist ist aus dem Ergänzungsspringer Karl Geiger der Siegspringer Karl Geiger geworden. 141 Meter weit war er geflogen. Damit konnte er sich von Platz fünf nach Durchgang eins auf Platz eins verbessern. Und am zweiten Wettkampftag ließ er beim Sieg des Weltcupführenden Ryoyu Kobayashi Platz vier folgen.

Das Grinsen war nach dem Erfolg nicht mehr aus dem Gesicht des blonden Allgäuers gewichen. „Jetzt gibt’s ne Runde Bier, das ist Tradition nach dem ersten Sieg oder Podestplatz“, sagte er, nachdem er die Siegerehrung genossen und den schließenden Medienmarathon absolviert hatte. Geiger hat dieses Ritual schon häufig erlebt. Ausgeben hat er jedoch nur einmal gemusst. Im Sommer in Rasnov (Rumänien) hat er zwei Springen gewonnen. Für den Bundestrainer war dies ein Schlüsselerlebnis. „Das war schon ein besonderes Erlebnis“, sagt der Sportler. Auf einmal hat Geiger gemerkt, dass er das Zeug zum Siegen hat. Dabei hatte der Springer dies von Anfang an auf dem Plan. „Ich hätte gerne gleich gewonnen, als ich in den Weltcup gekommen bin“, erzählt er. Oder wie er es auch mal ausdrückt: „Ich habe versucht die Abkürzung zu nehmen. “Dabei habe er jedoch vergessen, dass sich Erfolg nur nach Arbeit einstellt. „Dann fliegt man auf die Fresse“, lautet seine Erkenntnis.

Während Geiger über die Anfänge seiner Karriere erzählt, sitzt Schuster direkt neben ihm und beobachtet seinen Athleten aufmerksam, beinahe mit dem Blick eines stolzen Vaters. „Bei Karl ist es richtig erarbeitet. Man kann es sich erarbeiten“, sagt der Coach. Dann nimmt er sowohl Geiger als auch Leyhe, seine beiden konstantesten Springer in diesem Winter, in die Pflicht. „Ich hoffe, sie bleiben frech und bleiben vorne und warten nicht, bis sie wieder von Richard Freitag und Andreas Wellinger überholt werden.“ Beide haben noch mit kleineren Fehlern in ihrem Flugsystem zu kämpfen. „Die Verbindung bei den Sprüngen funktioniert“, sagt Freitag und meint, dass er nach dem Absprung nicht schnell genug in die richtige Position kommt.

Und bei Olympiasieger Wellinger folgt auf einen guten Sprung wieder ein schwächerer. „Ich schaffe es momentan nicht ganz, den Absprung aus den Beinen zu machen. Dadurch fehlt Höhe und Geschwindigkeit“, erklärt er seine unkonstanten Vorstellungen. Nur gut, dass es Karl Geiger und Stephan Leyhe gibt. Beide haben sich in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt entwickelt. „Ich würde sagen, dass ich noch die kleineren Schritte mache als der Karl“, sagt der Willinger, der nach Patz zwei zum Saisonstart in Wisla auch schon eine Runde Bier ausgeben musste. Nach vielen Tippelschritten haben sie nun die Rolle der Vorspringer übernommen.
Dabei liegt ihnen diese eigentlich gar nicht so.

„Ich bin eher von der ruhigeren Art“, sagt der Allgäuer. Und könnte damit auch Leyhe meinen. Dass nun die Vierschanzentournee ansteht, schreckt die beiden keineswegs. Durch ihre Erfolge haben sie genügend Selbstbewusstsein. „Dieses Jahr kann ich entspannter reingehen, weil ich weiß, dass ich es kann“, sagt Geiger. Seit dem Erfolg 2002 von Sven Hannawald wartet das deutsche Team auf den nächsten Gesamtsieg bei dieser imageträchtigen Veranstaltung. „Bei der Tournee gibt’s immer wieder besondere Geschichten“, sagt Schuster. Er denkt dabei an Thomas Diethart, den Sieger 2014. Dann fügt er an: „Vielleicht schreibt sie Stephan Leyhe.“ Doch bis dies möglicherweise passiert, freut sich Coach über den Premierensieg von Karl Geiger. Und dessen Runde Bier. „Die Sportler bekommen ein kleines, die Trainer und Betreuer ein großes.“ Auch das ist Tradition.

Text: Allgäuer Anzeigeblatt, 17.12.2018